Manchmal begegnen wir Menschen, die uns mit ihrer Sicht auf die Welt überraschen und inspirieren. Genau so war es, als ich Luzie Smejkal auf meiner Ausstellung im Sommer 2024 traf. Im Gespräch erzählte sie mir von ihrem Studium der Kunsttherapie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen, wo sie aktuell im 3. Semester ihre kreative Reise fortsetzt.
Als Teil ihrer Prüfungsleistung erhielt sie im Wintersemester 2024/2025 die Aufgabe, eine Ausstellungsrezension zu schreiben – eine Gelegenheit, Kunst aus therapeutischer Perspektive zu betrachten und Worte zu finden, die berühren und bewegen. Ich freue mich, ihre Gedanken und Eindrücke hier teilen zu dürfen und lade Sie herzlich ein, die Ausstellung durch ihre Augen neu zu entdecken.
Viel Freude beim Lesen und Eintauchen in eine inspirierende Sichtweise!
Ein Blick durch andere Augen
Eine Ausstellungsrezension von Luzie Smejkal
„Das Leben hält manchmal Herausforderungen bereit, die Kreativität erfordern.“ (Wottawah)
Diese Haltung prägt die Ausstellung von Nadine Wottawah „Was macht Krebs mit einem Menschen und was macht er daraus?“. 2021 erhielt die Künstlerin ihre Krebsdiagnose und befasste sich kurz nach dem Verlassen des Krankenhauses mit der Idee einer künstlerischen Ausstellung. Rund ein Jahr später entstanden erste Werke. Vom 19. bis 21. Juli 2024 präsentierte sie 22 Arbeiten im Garten ihres Familienhauses in Glattbach für geladene Gäste. Die Werke, überwiegend Malereien und einige Skulpturen, entstanden über anderthalb Jahre und reflektieren ihren Umgang mit der Diagnose, der Chemotherapie und dem Genesungsprozess.
Die Ausstellung führt Besucher*innen durch den zeitlichen Verlauf der Krankheit und den persönlichen inneren Wandel der Künstlerin.
Räumliche Inszenierung
Der Garten, am Hang erstreckt sich über mehrere Ebenen, wodurch die Präsentation eine symbolische Reise ermöglicht. Die Ausstellung beginnt im Vorgarten, von wo aus steinerne Treppenstufen nach oben führen. Der Weg thematisiert Zeit und Entwicklung. Am Haus angekommen, passiert man einen schweren roten Samtvorhang und tritt in einen düsteren Raum. Hier herrschen dunkle Farben und schwere Stoffe, die Themen wie Angst, Verlust und Tod erdrückend und bedrohlich spürbar machen.
Zurück im Freien beginnt die Darstellung von Hoffnung, Vertrauen und Kraft. Entlang des gepflasterten Wegs stehen Malereien und Skulpturen, die nach oben weisen. Sie verdeutlichen die Herausforderungen und die Kraft, die notwendig waren, um diese Reise zu bestehen.
Besonders eindrucksvoll war das Werk „Durchhalten“. Die schwarze Figur, am Wegesrand platziert, wirkt durch die Haltung angestrengt und körperlich kraftlos während die rote große Kugel sie zu überrollen droht. Eine weitere Figur oberhalb scheint voller Hoffnung, mit offenen Armen wartend. Die Skulptur vermittelt den Kampf und die Hoffnung, „denn oben ist das Leben“ (Wottawah, 2024), wie die Künstlerin schreibt.
Werk „Durchhalten“, 40 x 74 cm, Steine
Acrylbinden um Figur, Styroporball
Starkes symbolisches Werk
Werk „Vollkommen unvollkommen“,
55 x 75 cm, Mixed Media auf Aquarellpapier
Ein weiteres Highlight war das Selbstporträt „Vollkommen unvollkommen“.
Dieses entstand durch eine kunsttherapeutische Intervention des „blinden Porträtierens“. Wottawah malte es zunächst mit geschlossenen Augen und fügte im Anschluss Farben hinzu.
Der direkte Blick der Figur wirkt ehrlich und präsent – unperfekt, aber zufrieden. Mit ihren Worten führt die „Intuition dahin wo es richtig ist: zum ICH selbst.“ (ebd.) was wie ich finde in diesem Werk sichtbar wird.
Auf der höchsten Ebene des Gartens befinden sich strahlende, farbenfrohe Bilder, die Zuversicht und Leichtigkeit vermitteln. Zwischen zwei Tannen hängt das letzte Werk „Geheilt“, das Zuversicht ausstrahlt.
Werk „Geheilt“, 75 x 115 cm, Acryl auf
Leinwand
Die durchdachte Platzierung der Werke schuf eine Atmosphäre von Nähe und Authentizität. Die Darstellung im eigenen Garten verstärkte die persönliche Note und ermöglichte eine intime Verbindung zur Gefühlswelt der Künstlerin. Auch die Anordnung der Werke auf Staffeleien verstärkte das Gefühl, Teil ihrer Reise zu sein, und vermittelte eine Atmosphäre des ‚im-Prozess-Seins‘. Der enge Raum symbolisierte die belastenden Phasen der Krankheit, während der freie, lichtdurchflutete Garten Hoffnung und Genesung widerspiegelte.
Wottawahs Werke vermitteln die Angst vor der Vergänglichkeit und den Kampf um das Leben, zeigen aber auch die Stärke, die in der Kunst liegt, schwierige Lebensphasen zu bewältigen.
Selbstporträts und zeitgenössische Kunst
Das Selbstporträt von Nadine Wottawah verdeutlicht die Auseinandersetzung mit Veränderung und Identität. Ihre Werke machen sichtbar, was oft ausgeblendet wird: die unschönen, aber prägenden Aspekte von Krankheit und Heilung. Aber auch die Fragen nach dem eigenen „Selbst“ und dem Mut all das anderen Menschen zu offenbaren.
In der heutigen zeitgenössischen Kunst dient das Selbstporträt nicht nur der Selbstreflexion, sondern auch als Ausdrucksmittel und dem Hinterfragen traditioneller Darstellungsweisen indem Unvollkommenheit sichtbar wird. Das zeigt unter anderem auch Marina Abramović, die sich in ihrer Kunst zwar auf andere Weise selbst darstellt und dennoch ähnliche Themen wie Verletzlichkeit und Vergänglichkeit transportiert. Nadine Wottawah schafft es, ihre eigene Geschichte ehrlich und kraftvoll zu erzählen und andere damit zu berühren. Die Diversität ihrer Werke und die intime Darstellungsweise beeindruckte mich und machte die Ausstellung zu einer bewegenden Erfahrung.